Just do it – über die Tücken der Digitalisierung

„Wege entstehen dadurch dass man sie geht.“ Kafka

Mein Weg führt mich durch eine nebelige Nacht, kurz vor Sperrstunde lass ich mich überreden mit zu kommen. Wider aller guten Vorsätze schlüpfe ich in den Mantel und folge ihm nach draußen.

Alles besser als eine weitere Nacht alleine vorm Rechner zu hängen und sich in der Zeitfressmaschine zu verlieren. Ich bin ausgehungert nach Nähe.

Nach wenigen Schritten durch die frostige Kälte öffnet er begleitet von zweimal Piepsen und dreimal Blinken einen schwarzen Alpha Romeo der teurer aussieht als sämtliche Wagen auf dem Parkplatz zusammengenommen. Alter Verwalter, vorgestern noch Fußgänger und heute Upperclass?

Begeistert lasse ich mich auf den Beifahrersitz fallen. Der beißende Neuwagengeruch brennt schlimmer in der Nase, als die Corona Staberl an den Teststationen. Ansonsten ist die Kutsche allererster Schlagrahm.

„Sag mal woher hast du denn das Auto? Für so ein Gefährt ist dein Gemächt viel zu groß!“ kichere ich beim Anschnallen vor mich hin.

Mit versteinerter Miene deutet er auf den Touchscreen eines Tablets, das dort befestigt ist, wo  bei Retro Autos mal die Handbremse war.  

Unzählige kleine Symbole verstreuen sich auf dem Desktop des Geräts.

„Drück mal auf die rote Kamera, ganz rechts oben“, sein Tonfall verrät Vorfreude. In eiskalt.

Der Wagen fährt um eine langgezogene Kurve, mir wird schlecht, ich muss vom Bildschirm aufsehen um auf die Straße zu blicken. Wieso nimmt er die Auffahrt Richtung Italien?

„Wohin fährst du?“

Gekonnt ignoriert er meine Frage, völlig gelassen schießt er auf den Beschleunigungsstreifen. Vielleicht hat er im Nebel die Orientierung verloren? Zumindest geht´s wieder geradeaus und mein Magen entspannt sich.

„Du sollst auf das Symbol drücken.“, faucht er mich an, während er an der letzten Abfahrt auf österreichischer Seite vorbeirast. Wo zum Kuckuck will er denn hin?

Ich senke meinen Blick und leiste seiner schroffen Bitte folge.

Auf dem schwarz gewordenen Display erscheint eine Zeitanzeige in Form einer Sanduhr. Als die Zeit um ist verpufft das Teil und stattdessen erscheint eine nackte Frau mit vollem Mund. Wieso um alles in der Welt soll ich mir ne Blowjobszene ansehen?

Ratlos sehe ich ihn an.

„Was soll das?“

„Hinschauen“, zischt er. Vergräbt seine rechte Hand in meinen Haaren um meinen Kopf zum runterschauen zu bugsieren.

Eine semi-junge Frau mit bombastischen Haaren, schicke Titten, einer weiß-goldene Uhr am rechten Arm die meiner zum Verwechseln ähnlich sieht und ein kleines Tattoo am Schlüsselbein. Und ein Penis in der Nebenrolle.

Und plötzlich schießt es mir heiß durch sämtliche Zellen; die Frau die sich da die Seele aus dem Leib lutscht ist dieselbe die mir jeden Morgen aus dem Spiegel entgegen schaut. Das bin ja ich!!!!!

Seine Hand lässt meinen Schopf los, als er meine Erkenntnis spürt. Oder viel mehr mein Jauchzen nach Sauerstoff.

Ich versuche irgendeine Regung in ihm an seinem konzentriert nach vorne blickenden Gesicht ab zu lesen. Aber das ist genauso hoffnungslos wie zu erkennen wohin wir fahren-zumindest nicht weiter als drei Meter. Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich auf Klagenfurt tippen- so zäh nebelts sonst nirgends…

Naja gut. Er redet nicht, draußen seh ich nichts. Dann kann ich genauso gut den Film weiterschauen, versichere mich dass ich dabei eine gute Figur mache und wo es eventuell noch Verbesserungspotential was die Porno Skills angeht gäbe.

„Woher hast du das Video?“

Wir überholen einen polnischen Kleinlaser der Schlangenlinien fährt.

„Woher hast du den Schwanz?“

„Das war lang vor deiner Zeit, glaubst du ich war noch Jungfrau als wir zusammen gekommen sind?“

Beschwichtigend schränke ich meine Arme vor der Brust zusammen, verstohlen blinzle ich kurz auf das Display. Mein digitales Ich lutscht in Dauerschleife, ich frage wo ich es ausschalten kann.

Er fragt wo er mich ausschalten kann.

Ich frage wohin fahren wir.

„Lass dich überraschen“, raunt er zu mir rüber, streichelt über meinen Oberschenkel, erwischt meine rechte Hand, greift sie sich um damit auf seine ausufernde Erwartungshaltung in Schritthöhe aufmerksam zu machen.

Doch noch ehe ich mich darum kümmern kann, erreichen wir die Grenze.

Er verstaut seine Erektion, den Porno auf der Mittelkonsole lässt er laufen während er auf die zwei Uniformierten zurollt. Bitte lieber Gott mach dass sie uns nicht anhalten.

Sie halten uns an.

„Reise- und Impfpapiere bitte“, nuschelt das kleine grüne Männchen dass vermutlich noch nicht mal Haare am Sack hat.

Nach einem kurzen Check der Papiere beugt er sich nach vorne  um das Zeug zurück durchs Fenster zu geben, erhascht dabei einen Blick auf das Sexfilmchen am Tablet und errötet noch schneller als ein Hummer im Dampfbad. Verlegen winkt er uns durch.

Ich könnte jetzt echt einen Drink gebrauchen.

„Ach übrigens Schätzchen“, dringt seine weich gewordene Stimme zu mir durch, während sein Finger auf das Handgelenk der digital blasenden Protagonistin deutet.

„Die Uhr die du da trägst hab ich dir zu Weihnachten geschenkt.“

Worauf will er jetzt schon wieder hinaus?

„Ja, und?“

Verdammt, ich erkenne die Falle… Leider einen Moment zu spät.

„Du sagst es wäre vor meiner Zeit passiert? Weihnachten war vor acht Tagen, soweit ich mich erinnere?“

Das hab ich jetzt davon dass ich meinen Kalorienverbrauch beim Vögeln messen wollte. So ein Mist aber auch.

„Wie lange sind wir schon zusammen?“

Verfluchte Pulsuhren, das ist ja Schlimmer als die Stasi hier. Ich muss hier weg.

2022

In Anbetracht der Tatsache, dass wir aus allgemein bekannten Umständen spätestens in zehn Tagen wieder kollektiven Hausarrest haben, will ich die Möglichkeit nutzen um überall anders als zuhause zu sein.

Verbringe den Tag in der Therme, ziehe meine Bahnen im Sportbecken, entspanne in der Sauna, schwitz die Sünden der vergangenen Nacht raus und schwing mich ins Solarium um einen Touch weniger nach wandelnder Untoter auszusehen. Mein Magen knurrt, während mein Hintern verbrennt. Komische Kombi.

„Biste braun, kriegste Fraun“ trällert die Stimme im Kopf.

Mir fällt die geile Schnitte von gestern Nacht wieder ein. Das schöne Wesen hinterm Thresen… Geschwungene, sinnliche Lippen, dunkelschwarze Augen und ein unschuldiges Gesicht, gepaart mit dem richtigen Maß an Naivität. Beim Versuch die Zeche zu prellen ertappt sie mich gerade als ich aus dem Toilettenfenster abhauen will.

Ich zwenge mich zurück nach drinnen, lasse mich vom Fensterbrett auf die Klobrille fallen, rutsche mit einem Bein ab und lande mit dem Fuß in der Schüssel. Gott sei Dank hab ich die Stiefel imprägniert, meine Strümpfe bleiben trocken.

„Was tust du hier?“ mit offenem Mund starrt sie durch die geöffnete Kabinentür, während ich versuche den Uringeruch mit der Klobürste von meinen Schuhen zu bekommen.

„Ich bin auf der Flucht vor einem Stalker.“, erkläre ich ihr lächelnd.

„Du meinst der Kerl der dich ständig anbaggert?“

Von wegen anbaggern, der Typ treibt Schulden für zwielichtige Kredithaie ein. Aber egal -Sie scheint den Köder gefressen zu haben.

„Ja genau der. Ich muss hier weg, der ist nicht ganz dicht und sehr gefährlich.“

Mit dem Hinweiß meine Getränke zahlt der Stalker, springe ich zum zweiten Mal durchs Klofenster nach draußen…

Zurück im Solarium:

Das Licht geht plötzlich aus, die Lüftung verstummt und ich werde unsanft aus meinem Tagtraum gerissen. Verpeilt krieche ich aus dem Turbobräuner, stopfe meine Sachen in den Rucksack und desinfiziere die Röhre.

Zuhause angekommen hänge ich die nassen Badesachen auf den Wäscheständer, rasiere meine Beine (nachdem das im Schwimmbad ausdrücklich verboten war) und Texte einem der Freaks aus dem Netz.

„In 30 Minuten beim Eislaufplatz“

Auf der Fahrt dorthin mache ich kurz Halt bei der Tanke, genehmige mir einen Dosen-Gin-Tonic um meine einsetzende Kurzatmigkeit zu besänftigen. Ich schalte die Disco Boys auf Anschlag, fahre die letzten Kilometer über die Landstraße als ich mit wummernden Boxen die Halle erreiche. Mitten in dem ganzen Gewusel aus Eltern die ihre Kinder dorthin kutschieren, dickbäuchigen Trainergestalten mit Tschik im Mundwinkel die vor dem Eingang der Sportstätte herumgammeln, erkenne ich eine Figur die neben dem Altglascontainer steht und auf den Display seines Handys starrt.

Ich bremse den Wagen, fahre langsam an ihm vorbei. Mein Herz schlägt bis zum Hals, ich fahre weiter die Straße hinauf. Soll ich ihn stehen lassen? Bin ich echt so feig?

Ich schieße nach rechts, bremse an der Bushaltestelle wende mit vollem Schwung und atme tief durch. Baby entspann dich; es dauert gewöhnlich fünf Penisse lang bis du dein gebrochenes Herz kurierst. Da unten steht Nummer eins. Direkt neben dem Altglas.

Vorsichtshalber parke ich dann trotzdem ein Stücken entfernt und schleiche mich unauffällig an den Kerl ran. Er starrt immer noch vertieft auf sein Handy, ich starre ihn an- versuche zu erkennen wie ähnlich er dem Bild auf dem Datingprofil sieht. Es ist leider viel zu dunkel, kann ihn weniger sehen als viel mehr riechen- sein Parfum macht mich wuschig… So riecht kein Vater der sein Kind zum Eislaufen bringt. Bleibe direkt vor ihm stehen:

„Ich glaub wir sind verabredet?“

Erhebe mich am Morgen drauf verstrahlter als Tschernobyl von der Couch. Schalte Musik ein um mich von meinem Hangover abzulenken. Irgendwo klingelt ein Telefon.

Himmel, Arsch und Zwirn ist mir schlecht.

Mein Magen eskaliert als ich die Stimme meiner Oma aufeinmal über die Stereoanlage hören kann. Welcher Volltrottel hat den bitte das Telefon mit meinem Radio verheiratet? Vermutlich ich selbst.

„Hallloooooo?????? “, schrill trällert ihr Fiepsen durch die Boxen.

Eine dreiviertel Stunde später bin ich auf dem neuesten Stand über alles was innerfamilär und global passiert ist, über all ihre Arztbesuche, prophezeite Heilungsaussichten. Und über alle schmutzigen Details jedes einzelnen Dorfbewohners.

„Du Omi, ich muss dann echt mal los…“

„Kindchen und denk daran keine Wäsche in den Rauhnächten aufzuhängen sonst stirbt jemand.“

Kann sie mir das nicht zwei Tage voeher sagen? Dann borg ich mir ein Saunatuch und den Bademantel aus, anstatt den Kram bei mir zu waschen und aufzuhängen und damit einen Todesfall zu provozieren. Senile alte Schachtel.

„Kann ich mir aussuchen wer stirbt?“

Omi lacht.

Miststück.

#Fellieren

Am nächsten Morgen werde ich unsanft aus dem Schlaf gerissen. Jemand läutet Amok an der Tür, da kein Werktag vermute ich keinen Gerichtsvollzieher oder GIS Eintreiber. Wehe es ist einer von den Jehovas, verschlafen schlüpfe ich in den Bademantel und schlurfe durch den Flur.

Anstelle des erwarteten Sektenfreaks schießt ein restalkoholisiert wirkender Mister L durch die Tür, drückt mich gegen die Wand, zieht mir das weiße Flanellteil aus und öffnet seinen Reissverschluss. Ein zufällig vorbeigehender Nachbar im Treppenhaus sieht genauso verdattert wie ich drein, ich bitte Mister L abzuschließen bevor noch jemand die Polizei ruft.

Er rammelt mich, als ob er das neue Werbemaskottchen für Viagra wäre. Oder für ein Gegenmittel. Scheinbar tut ihm die Liason mit Misses Propper ganz gut. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Beschließe einfach die Klappe zu halten, der Harmonie willen.

Solange wir nicht reden, streiten wir auch weniger.

„Lass uns ans Meer fahren“, schlägt er vor, während ich sein Ejakulat mit einer vorbeikommenden Katze von der Wand abzuwischen versuche.

„Jetzt?“

Das Mistvieh beißt mir fauchend in die Hand, das Fickvieh verstaut stöhnend seinen Penis. Er sagt ich soll mich anziehen.

Wir beschließen das kleine Auto zu nehmen, im Van ist es unmöglich bandscheibenvorfallsfrei den Fahrer zu fellieren. Alles für die Konfliktvermeidung!

Enthusiastisch beuge ich mich über die Handbremse und läute Runde zwei ein, als wir auf der Autobahn sind. Hingebungsvoll widme ich mich seiner wachsenden Vorfreude, stoße mir den Kopf dabei am Lenkrad, verschlucke mich beim Rückstoß an seinem Ding und drohe daran zu ersticken. In Todesangst reisse ich meinen Kopf nach oben und blicke beim Auftauchen durch die Seitenscheibe ins Gesicht eines Bullen, der uns gerade mit seinem Kollegen im Streifenwagen überholt und das Schauspiel gebannt beobachtet.

Mein Herz rutscht mir in die ausgezogene Hose, bitte lieber Gott mach dass ich nicht wegen Beihilfe zur öffentlicher Unzucht mit einem alkoholisiertem Fahrer ins Gefängnis muss.

Mister LoverLover steigt aufs Gas, zieht auf der dritten Spur an den Bullen vorbei, packt mich an den Haaren und drückt meinen Kopf zurück unters Lenkrad.

„Mach dir keine Gedanken wegen denen. Wenn sie uns wirklich aufhalten, dann nur weil sie mitmachen wollen.“

Er weiß wirklich wie man Frauen beruhigt, was hab ich bloß für ein Händchen bei der Männerwahl!

Businessplan

Mein Alptraumprinz ist zur Abwechslung mal wieder deppert hoch zehn, der Sommer neigt sich dem Ende zu und ich versinke zuhause im Elend. Wann hat hier eigentlich zum letzten Mal jemand geputzt? Vermutlich im letzten Lockdown, schießt es mir durch den Kopf als ich durch das versiffte Küchenfenster hinaus auf den Parkplatz sehe. Nicht mal auf meiner Windschutzscheibe kleben soviele tote Insekten, schon gar nicht beidseitig.

Aber mein Gott, verdreckte Scheiben sind mit Datenschutz recht zu fertigen. Wobei die Menge an Leergebinde, mit der mein Schreibtisch vollgestellt ist, eher mit einem Alkoholproblem erklärbar wäre. Kein Wunder dass man in diesem Sauhaufen säuft, nach dem sechsten Bier ist nicht nur jeder Kerl, sondern auch jede Bruchbude schöngetrunken.

Mein Abgabetermin für das Manuskript ist übermorgen, ich finde weder meinen Rechner, noch einen freien Arbeitsplatz, noch meine Motivation. Dafür ein totes Nagetier im Schuhkastel, ein offenes Bier im Kühlschrank und einen angefressenen Fischkopf auf dem Sofa.

Ich brauch dringend eine neue Wohnung. Oder eine Putzfrau. Aber die, die ich empfohlen bekommen habe reitet leider gerade auf meinem Mister LoverLover. Was ich ja verstehe- ich hab ja auch lieber mit ihm geschnackselt als zu putzen. Deshalb hat er mir ja seine Perle schicken wollen. Stattdessen ist er jetzt mit ihr durchgebrannt und lässt mich unpenetriert und ohne Raumpflege mit einem halben Bier zurück. So was sadistisches aber auch. Was soll ich jetzt tun?

Putzen???

Irgendwo unter einem Haufen ungeöffneter Kuverts, die sich auf dem Esstisch türmen, läutet mein Telefon. Krame es aus dem Papierberg hervor und hoffe insgeheim auf einen Versöhnungsanruf von meinem Geschlechtsgenossenschaftsonoffpartner. Doch statt Mister Putzfrauenbeglücker hab ich Mister Ankara am Telefon. Auch gut. Fickbar wär der auch. Doch statt eine Einladung zum Koitus gibt´s einen Auftrag.

„Machen wir Buisness, ich weiß ich kann dir vertrauen und hab super Idee und brauche dich dafür.“

Ich hab kein gutes Gefühl als ich nachfrage worum es geht.

„Kannst du mir Auto nach Istanbul bringen?“

Beobachte meinen Kater, der von der obersten Etage des Kratzbaums aufs Parkett reihert. Elendiger kann´s am Bosporus auch nicht zugehen.

„Wann soll ich kommen?“

Ignoriere mein Bauchgefühl und lasse mich vom tiefen Bedürfnis nach Flucht leiten. Move your ass and your Mind will follow. Hab ich mal auf meinem Instagram Account gelesen.

#Club37

Welcome to final destination

Wollte wie einer der coolen Draufgänger enden- jung, wütend, wild und mit tosendem Abgang als Legende im Club 27 ankommen.

So wie Kurt Cobain, Jimmi Hendrix, Marylin Monroe oder Misses Janis Joplin.

Da meine Selbstzerstörungstendenz just im Jahr 2011 am Nullpunkt angelangt- und Falco ja auch erst mit 47 abgedankt ist- einige ich mich mit mir selbst auf einen Kompromiss: Club 37 ist das neue 27.

364 Days left.

Abschiedstournee auf 2021 verschoben. So schnell kann´s gehen. Passender könnte der Zeitpunkt kaum sein- wir stehen Kurz sei Dank vor der 3.Welle und einem erneuten harten Lockdown. Depression verseucht die Gemüter der Massen, lähmt die Einen, agitiert die Anderen. Gefährlich aufgeheizt die Stimmung auf der Straße, von meiner eigenen gar nicht zu sprechen.

Menschen die sich an der Supermarktkasse verprügeln- Meinungsdifferenzen bezüglich der Maskenpflicht.

Gespaltene Gesellschaft. Gespaltener Geist.

Die Gräben im eigenem Ich vertiefen sich. Betäubt vom Zwiespalt- wer bin ich wenn ich nichts mehr fühle?

Rasierklinge flirtet mit Pulsader.

Happy Birthday to me.

Palmweihe ohne Handke

Der morgige Palmsonntag interessiert mich in etwa soviel wie Peter Handkes Neuerscheinung. Am Rande meiner bald eskalierenden Geisteskrankheit herrscht null Anteilnahme an gesellschaftlichen Anlässen, religiösen Traditionen oder frisch gedruckten Werken diverser Literatur Nobelpreisträger.

Ich hab Jelinek schon nicht verstanden. Und das war im Jahre 20 vor Corona.

Mein Hirn ist unfähig komplexen Gedankengängen zu folgen – ich verliere den geistigen Anschluss bereits bei der Ziehung der Lottozahlen. Monika Gruber sagt, die Lage wäre Besäufnis erregend.

Und täglich grüßt das Murmeltier.

Während andere den Hausarrest zur Selbstoptimierung nutzen, eine neue Sprache lernen, Netflix bis zum epileptischen Anfall konsumieren, ein Start-Up gründen oder die Weltherrschaft an sich zu reisen, versuche ich mich vor dem Gerichtsvollzieher zu verstecken.

Gammle seit Tagen in derselben abgefuckten Short vor mich hin, verschieb den geplanten Suizid aus reiner Faulheit. Und dem klitzekleinem Funken Hoffnung dass alles wieder gut wird.

Schließlich hat mal jemand erwähnt, dass am Ende aller globalen Krisen Highlife, Aufschwung, Orgien, Massenbesäufnisse, Sonnenschein und kollektive Euphorie winken.

Bis zum Kirchtag ist alles wieder gut!

Seit Wochen versteckt sich meine Motivation irgendwo im Keller. Doch egal wie sehr ich sie auch zurück ins Erdgeschoss ersehne – das Mistvieh bleibt verschollen, überlässt mich meiner immer ausufernderen Apathie.

Fight or flight? #dystopia Nach einem kurzen Moment der Schockstarre lodert das Feuer in meinem Brustkorb erneut auf, zündet die Adrenalinbombe, weitet meine Pupillen unanständiger als peruanischer Schnupfen beim Gruppensex in Wuhan, setzt sämtliche Urreserven frei, die uns für existenzielle Notfälle gestiftet wurden. Mit aller Kraft balle ich die Faust, boxe dem Mistkerl neben mir mitten ins Gesicht, unterdrücke einen Schmerzensschrei, als meine Fingerknöchel an seinem Unterkiefer zersplittern. Sein Würgegriff öffnet sich, ich japse benommen nach Luft, ramme meinen Ellbogen gegen die Innenseite der Beifahrertür. Mit einem Klick entriegelt diese und befördert mich unsanft auf den Asphalt. Mit dem Gesicht voraus klatsche ich auf den Boden, mein Schädel pocht. Nichts wie weg hier.

Gott im Himmel, wie langweilig ist das denn?? Keine Kneipen offen, keine Schwimmbäder, keine Sauna, keine Hotels, keine Clubs, keine Chippendales, kein AMS – dafür acht Meter Neuschnee und offline allein zuhause – je suis Kevin.

Ob ich den Assis vor der Tür beim Schneeschaufeln helfen sollte?

Nein, das wäre zuviel des Guten. Schließlich bin ich eine Augenweide. Sollen doch die tageslichtuntauglichen frigiden Frostbeulen den Parkplatz frei schepfn.

Ich bin Künstlerin, für solch trivialen Scheißdreck fehlt mir die Erdung. Und außerdem bin ich zu betrunken um auch  nur ansatzweise einen soliden Eindruck zu machen…

2 Nächte später…

Mit dem Schneepflug meldet sich auch mein WLAN und Telefonanschluss zurück aus dem Winterschlaf, die anfängliche Euphorie darüber hält nicht lange.

Dreiundzwanzig entgangene Anrufe.

„Olga, was ist passiert“, texte ich meiner Freundin über sämtlich verfügbare Kanäle – SMS, Whatsapp, Messenger, Insta, Twitter, Snapchat, Telegram. Thremaa, Tinder…

Keine Reaktion.

Zieh mir Spikes über die Martens, die Kapuze tief ins Gesicht und stapfe durch den immer dichter werdenden Schneefall. Nicht mal der Vollmond schafft es, die dicke Wolkenschicht zu durchdringen und mir den Weg zu leuchten.

Erschöpft und vor Kälte zitternd stehe ich schließlich an ihrer Tür. Ihr Appartment ist dunkel.

Läute Sturm, werfe meinen Schlüsselbund an ihr Fenster.

Immer noch kein Licht.

Zwei Jugendliche kommen aus einem anderen Hauseingang, zünden sich lässig eine Kippe an, einer der beiden trägt eine dreieckig aussehende Plastiktüte.

„Hey Jungs, habt ihr ein, zwei Raketen zum Verkaufen übrig?“

#exponentiell

Die Zahl der Neuinfektionen im fünfstelligen Bereich, Auswertung der Tests dauert immer länger, Chaos beim Contact Tracing und in den Teststationen.. Das würde somit heißen, die 10000 Neoinfizierten, hätten wir nicht heute, sondern bereits vor ca. zehn Tagen gehabt? Wie war das mit dem schönen Wort „Exponentiell“ nochmal gemeint?

Das AMS stiftet derweil Hoffnung für alle die noch nicht infiziert- aber knapp finanziell ruiniert sind – Mein Lieblingsamt wird nach acht Monaten Pandemie endlich in Umschulungsmaßnahmen für Jobsuchende investieren!

Ich bin mir sicher bei der Auswahl der Kurse ist bestimmt das ein- oder andere Schmankerl für unsere derzeit amtierenden Volkvertreter dabei – weil reif fürs AMS wären da so einige Kanditaten.

2020. Österreich hat sturmfrei.

#dystopia

Nach einem kurzen Moment der Schockstarre, lodert das Feuer hinter meinem Brustkorb erneut auf – zündet die Adrenalinbombe, weitet meine Pupillen unanständiger als peruanischer Schnupfen beim Gruppensex in Wuhan, setzt sämtliche Urreserven frei, die uns der da oben für existentielle Notfälle gestiftet hat.

Mit aller Kraft balle ich die Faust, boxe dem Mistkerl neben mir mitten ins Gesicht. Unterdrücke einen Schmerzensschrei als meine Fingerknöchel an seinem Unterkiefer zersplittern. Sein Würgegriff öffnet sich, ich japse benommen nach Luft, das blutige kleine Ding am Ganghebel dürfte wohl sein Zahn sein.

Fight.

Ich ramme meinen Ellebogen gegen die Innenseite der Beifahrertür, mit einem Klick entriegelt diese und befördert mich unsanft fallend auf den Asphalt. Mit dem Gesicht voraus klatsche ich auf den Boden, mein Schädel pocht als würde er den Exitus Mr. L´s Zähne betrauern. Nehm die Beine in die Hand und renne um mein Leben. Nichts wie weg hier….

Flight.

Strattera

Langsam aber sicher werde auch ich unruhig. Versuche mich durch eine allgemeine Bestandsaufnahme zu entkrampfen – ein kurzer Blick in die Handtasche bestätigt mir ausreichend pharmazeutische Stabilisatoren zu besitzen um es ohne ernsthaften Amoklauf durch die Osterfeiertage zu schaffen.
Versuche den Doc zu erreichen – erwische nur seinen AB.
Scheiß drauf, brüllt die schwarze Gestalt die auf meiner linken Schulter sitzt: setz die Dinger einfach ab – was soll schon passieren? Hast schließlich drei Jahrzehnte ohne Strattera überlebt! Los! Leb!

Stütze mich am Waschbecken ab, mit schwindligem Hirn dem Spiegelbild entgegen.
Kalter Schweiß benetzt ein aschfahl werdendes Gesicht; leise wie der erste fallende Schnee meldet sich dein Endgegner zurück- dein Hirn erinnert dich daran, dass es keine Antikörper für deine Schmerzen gibt… SUCHTDRUCK lässt sich nicht ausschalten.
Zitternde Hände suchen nach flüssiger Erleichterung- vergeblich.
Immer wiederkehrende Stimmen, der Wunsch nach Suizid. Plötzliche Stille. Doc ruft zurück.
„Auf gar keinen Fall das Medikament absetzen. All die Struktur und Zielstrebigkeit wäre schlagartig weg.“
Seine Warnung amüsiert mich.
Zielorientiert und strukturiert in Zeiten wie diesen?
Damit ich meinen Sarg rechtzeitig bestelle?
Frag mich wer von uns beiden einen Psychiater nötiger hat, ziehe die letzten Pillen aus der Schachtel und werfe sie ins Feuer des Kamins.
Challenge accepted.